Guten Tag,
vor nunmehr gut zwei Monaten wurde der deutsche Bundestag gewählt, vor gut einem Monat hat sich der Bundestag konstituiert und wir sehen jetzt der Wahl einer neuen Bundesregierung entgegen.
Der Blick auf den ausgehandelten Koalitionsvertrag verheißt nichts Gutes. Zum Bekämpfung von Obdach- und Wohnungslosigkeit wird fast gar nichts gesagt, es findet sich eigentlich nur der lapidare Satz: "Der Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit wird umgesetzt." (Zeile 791 und 792).(https://www.koalitionsvertrag2025.de/sites/www.koalitionsvertrag2025.de/files/koav_2025.pdf)
Diesen Aktionsplan haben wir bereits schon vor Beschlussfassung als vollkommen unzureichend gekennzeichnet. Die dort beschriebenen Maßnahmen sind derart unzureichend, dass die Zahl der wohnungslosen Menschen bis 2030 steigen wird - statt zu sinken. Auch haben wir die oft peinlich wirkende unzureichende Beteiligung wohnungslosigkeitserfahrener Menschen (eigentllich nur eine Schaufenster-Beteiligung) als strukturellen Fehler dieses Aktionsplans deutlich gekennzeichnet und kritisiert.
Wie auch immer - mit einer neuen Wahl sind auch neue Chancen verbunden und die möchten wir gerne wahrnehmen.
Aus diesem Grund haben wir soeben allen neuen in den Deutschen Bundestag gewählten Menschen (außer der #NoAfD) einen Brief geschrieben, in den wir uns und unsere Forderungen vorstellen und zu Gesprächen und Zusammenarbeit einladen.
Nachfolgend könnt ihr diesen Offenen Brief auch lesen und gerne weiter verbreiten. Auch Kommentare und Medienanfragen sind willkommen!
Solidarische Grüße,
Stefan (für das offene Netzwerk der Wohnungslosen_Stifung)
Guten Tag,
wir begrüßen Dich herzlich zu Deiner neuen Aufgabe als Abgeordnete*r des Deutschen Bundestages und möchten auf diesem Weg mit Dir in Kontakt treten.
Wir, die Wohnungslosen_Stiftung, sind eine bundesweit aktive, gemeinnützige und mildtätige Organisation, eine Plattform und ein offenes Netzwerk der Selbstvertretung von Menschen, Gruppen, Initiativen und Projekten mit Wohnungslosigkeitserfahrung.
Bei uns wirken Menschen mit, die aktuell noch auf der Straße sind, aber auch Menschen, die ihre Wohnungslosigkeit bereits lange hinter sich gelassen haben und die sich seit Jahren ehrenamtlich für und mit wohnungslosen Menschen engagieren. Mit dabei sind auch Menschen, die das Netzwerk auf Augenhöhe unterstützen.
In unserem Frauen*salon haben sich Frauen* mit und ohne Wohnungslosigkeitserfahrung zusammengetan, um die Notlagen obdachloser/wohnungsloser Frauen* sichtbarer zu machen und sich für die Verbesserung der Lebensituation einzusetzen.
In unserem Netzwerk sind ganz unterschiedliche und vielfältige Erfahrungen und Kompetenzen vertreten.
Wohnungslosigkeitserfahrene Menschen sind vor allem eins: Expert*innen in eigener Sache. Die Realität auf den Straßen, in den Wohnheimen, in den Notunterkünften und in teuren Ersatzunterkünften ist tatsächlich oft nicht so wie sie Dir von vielen Berufslobbyist*innen und Theoretiker*innen berichtet wird.
Wir wissen oft besser und genauer, was zu tun ist. Wir sind täglich damit beschäftigt, unser Wissen und unsere Erfahrungen mit anderen Menschen zu teilen.
Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit sind extreme Formen und Armut und Ausgrenzung. Damit einher gehen Vorurteile, Abwertung und Diskriminierung. Wir gehen davon aus, dass uns das gemeinsame Anliegen verbindet, alles dafür zu tun, dass obdach- und wohnungslose Menschen wieder eine eigene Wohnung erhalten, denn eine Bank und eine Notschlafstelle sind kein Zuhause!
Die Kosten von Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit so wie die Folgekosten daraus sind um ein vielfaches Höher, als selbst gemieteter Wohnraum. Mit Beendigung der Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit wird nicht nur Geld eingespart, sondern es werden in vielen weiteren Bereichen Ressourcen verfügbar, die anderweitig genutzt werden könnten. Das hätte gesamtgesellschaftlich betrachtet eine sehr große Wirkung. Neben Entlastungen für die Infrastruktur würden personelle Ressourcen in der Sozialen Arbeit und im Gesundheitswesen eingespart.
Desweiteren werden obdach- und wohnungslose Menschen wieder ein Teil der Gesellschaft, von der sie sich verstoßen, missachtet, ausgegrenzt und oft genug hilflos im Stich gelassen gefühlt haben. Ein eigener Wohnraum erhöht die Chance an der Teilhabe am öffentlichen Leben. Ein eigener Wohnraum ist nicht nur privater Rückzugs- und Erholungsort, sondern steigert das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit.
Viele psychische Beeinträchtigungen, Traumatas und Depressionen, unter denen wohnungslose Menschen oft leiden, haben ihre Ursachen in Alltagsprobleme und extremen Belastungen, denen wir ausgesetzt sind, (z.B. Zubereitung von Essen, Hygiene, sicheres Lagern von Hab und Gut, trockener und sicherer Schlafplatz, die Gefahr Opfer eines Verbrechens zu werden). Alles das würde auf Grundlage einer Wohnung behandelbar sein bzw gänzlich wegfallen.
Wohnungslose Menschen möchten nicht als Teil des Problems gesehen werden, sondern als Menschen mit diversen Fähigkeiten und Begabungen wahrgenommen werden.
Menschen, die auf der Straße sind, dauerhaft in zwangsgemeinschaftlichen Notunterkünften untergebracht sind oder viele Jahre in oft gewaltgeprägten Wohnheimen wohnen müssen, benötigen jetzt und sofort eine Wohnung - für darüber hinaus bestehende Probleme gibt es wohnbegleitenden Hilfen und soziale Angebote, die selbstbestimmt genutzt und präventiv ausgebaut werden könnten.
Wir sehen wohnungslose bzw. obdachlose Menschen sowie Menschen mit Migrationserfahrung und mit und ohne Fluchthintergrund nicht als Konkurenz zueinander, sondern wir wollen gemeinsam zukunftsorientierte Konzepte mitgestalten, weil wir uns alle als Wohnungssuchende sehen und auch so gesehen werden wollen.
Grundstücke, Objekte und Wohnungen stehen leer, zum Teil schon seit Jahren. Vielerorts bemerken wir dem Verfall überlassene Bürogebäude, Lagerhallen, Garagenkomplexe, Schulen, Einkaufshallen usw. Viele wohnungslose Menschen wären gerne bereit, diese Flächen zu Wohnzwecken wieder nutzbar zu machen und auszubauen. Alternative und selbstorganisierte Wohnprojekte sollten wahrgenommen und gefördert werden.
Wo Menschen ein zu Hause finden, profitiert auch das Geschäftsleben und die Nachbarschaft davon.
Mieten müssen wieder bezahlbar werden, Zwangsräumungen in die Obdachlosigkeit sind menschenunwürdig und müssen unterbleiben.
Verweisen möchten wir diesbezüglich auf
Aus unserer Sicht ist es dringend erforderlich, dass unser offenes Netzwerk regelmäßig und rechtzeitig zu allen Plänen, Vorhaben und Maßnahmen zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit aktiv eingebunden wird.
Wir wohnungslosigkeitserfahrene Menschen benötigen eine stabile und belastbare organisatorische und finanzielle Unterstützung (z.B. Mittel vom Deutschen Bundestag für Reise-, Unterkunfts- und Verpflegungskosten, aber auch für Austausch, Vernetzung, Qualifikation und Koordination) um uns vernetzen, gegenseitig unterstützen und unser Wissen bündeln zu können.
Unsere Kompetenzen wollen wir einbringen, um das gemeinsame Ziel - Wohnungslosigkeit zu beenden - zu erreichen.
Wir sind bereit für neue konstruktive Lösungen auf Augenhöhe.
Wir möchten Dich als Bundestagsabgeordnete*r bzw. als (Parlamentarier*in, Repräsentant*in ) - egal ob in Regierungsverantwortung oder in der Opposition – einladen, mit uns das Gespräch aufzunehmen und unser Fachwissen anzuhören.
Lass uns gerne ein Treffen vereinbaren, bei dem wir Dir und Deinem Team unsere Arbeit vorstellen, unsere Sichtweisen, Ideen, Konzepte und Forderungen erläutern.
Wir freuen uns auf Deine Rückmeldung!
Freundliche Grüße
Chris Czischke & Nadine Seemann und die Peer-Gruppe Leipzig,
Janita Juvonen, Buchautorin und Erfahrungsexpert*in, Essen,
Manja Starke, Heimbach und der Frauen*Salon,
Niko Rollmann, Berlin und weitere solidarische Menschen,
Swen Huchatz und die Initiative Randnotiz Hildesheim,
Sybill Janetz & Stefan Schneider, Berlin, Organisator*innen der Wohnungslosen_Stiftung,
und weitere Menschen aus dem offenen Netzwerk der Wohnungslosen_Stiftung.
kontakt @ wohnungslosenstiftung . org
PS: Ausdrücklich weisen wir darauf hin, dass wir zu den Bundestagsabgeordneten der #NoAfD keinen Kontakt aufnehmen - weil bei uns kein Platz ist für Menschen, die rassistische, menschenfeindliche oder nationalistische Auffassungen vertreten oder verbreiten.
Arne Dedert, dpa, siehe
https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/wohnen-neuer-bericht-zaehlt-mehr-als-500000-wohnungslose-in-deutschland/100099371.html
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Stefan Schneider / Wohnungslosen_Stiftung
Gesellschaft für Selbstvertretung wohnungsloser Menschen
und Empowerment auf Augenhöhe gemeinnützige UG (haftungsbeschränkt)
Freistellungsbescheid vom 04.04.2023
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Die Wohnungslosen_Stiftung ist der Interessenverband von Menschen mit Wohnungslosigkeitserfahrung im deutschsprachigen Raum. Wir setzen uns dafür ein, dass Menschen mit Wohnungslosigkeitserfahrung sich austauschen, vernetzen und ihre Anliegen angstfrei äußern können.
In unserem offenen Netzwerk engagieren sich über 120 Menschen mit eigener Erfahrung, Gruppen, Initiativen, Bündnisse, Vereine und Unterstützer:innen – gemeinsam und auf Augenhöhe. Zweimal im Jahr organisieren wir offene Netzwerktreffen an wechselnden Orten, um den Austausch und die Zusammenarbeit zu stärken, politische Forderungen zu erarbeiten und gemeinsame Aktionen zu planen. Unser kostenloser Newsletter erreicht über 6.000 Interessierte und informiert unregelmäßig über Themen wie Wohnungslosigkeit, Empowerment und Selbstvertretung.
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